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EM 2015 – „Es muss sich einiges verändern“

Die deutsche Basketball-Gemeinde ist im Schockzustand. Wir alle hatten gehofft, dass ein Teil der Europameisterschaft 2015 in Deutschland stattfinden wird. Am kommenden Sonntag sollte die Vergabe erfolgen. Doch am vergangenen Mittwoch kam es zum großen Knall: Weil bei der FIBA Europe im Stile von Fußball-Boss Sepp Blatter gemauschelt und getrickst wird, hat der DBB seine Bewerbung im Einklang mit Kroatien, Frankreich und Italien zurückgezogen. Wir sprachen mit DBB-Pressesprecherin Elisabeth Kozlowski, die für die EM-Bewerbung mitverantwortlich war.

Elisabeth, am Mittwoch habt ihr bekannt gegeben, dass die EM 2015 nicht in Deutschland stattfinden wird. Hast Du diese Entscheidung mittlerweile verkraftet?
Es ist nach wie vor sehr schade und auch traurig. Wir alle hätten die EM sehr gerne in Deutschland gehabt. Die Vorrunde in Berlin, die Zwischenrunde in Köln oder Düsseldorf – das wäre schon ein Highlight gewesen. Wir haben tolle Hallen, eine fantastische Infrastruktur und hätten die Organisation des Events mit mindestens so viel Herzblut betrieben wie jetzt die Bewerbungsphase. Es tut mir wahnsinnig leid für unser Team. Viele Mitarbeiter haben sich auf die EM gefreut. Und auch für die Spieler wäre es eine tolle Sache gewesen, vor heimischem Publikum spielen zu können.

Auch bei der U17-WM im Organisations-Team: Elisabeth Kozlowski

Auch bei der U17-WM im Organisations-Team: Elisabeth Kozlowski

Waren die Nationalspieler in die Bewerbung involviert?
Vor drei Wochen stand ich noch mit Heiko Schaffartzik auf dem Dach eines Hochhauses am Potsdamer Platz, um unser Berliner Bewerbungsvideo zu drehen – tolles Material, das wir am Sonntag zeigen wollten. Doch von heute auf morgen wird es jetzt nicht mehr benötigt. Das ist schon skurril.

 

Wie viel Arbeit hast Du persönlich in die Bewerbung gesteckt?
Eine ganze Menge. Aber ich bereue keine Sekunde davon. Die Erstellung des Bid Dossiers, der PR-Broschüren, des Logos mitsamt Corporate Identity, die Organisation des Evaluierungs-Besuchs und diverser Videodrehs war ebenso eine tolle Erfahrung wie die Zusammenarbeit mit den anderen drei Verbänden. Insbesondere mit den Franzosen haben wir eng kooperiert und einiges auf den Weg gebracht.

 

Warum hatte sich Deutschland eigentlich nicht alleine beworben, sondern zusammen mit drei weiteren Nationen?
Für die Vier-Nationen-Bewerbung gab es mehrere Gründe. Zum einen ging es darum, die finanziellen Anforderungen seriös und sicher zu stemmen. Die über acht Millionen Euro, die nur für die Ausrichtung an die FIBA Europe gezahlt werden müssen, sind und waren für den DBB alleine nicht zu finanzieren; ebenso wenig wie für Frankreich, Italien und Kroatien. Zum anderen – und dieser Aspekt ist uns sehr wichtig  –  war es unsere Vision, das Event EuroBasket auf eine neue Ebene zu bringen. Wir hätten in sehr attraktiven Städten in topmodernen Hallen gespielt, und das vor vollem Haus. Jeder Standort hätte die Heimmannschaft des jeweiligen Landes zu Gast gehabt. Die Erfahrungen der letzten EMs haben ja gezeigt, dass es selbst in einem Basketball-Land wie Litauen nicht gelingt, bei den Vorrunden-Spielen die Hallen zu füllen. Ich erinnere mich noch an das tolle Vorrunden-Spiel Deutschlands gegen Frankreich in Siauliai: Dirk Nowitzki gegen Florent Pietrus, Chris Kaman gegen Joackim Noah, Robin Benzing gegen Nicolas Batum, Heiko Schaffartzik gegen Tony Parker – sehen wollten es vielleicht 1000 Zuschauer

 

Wann und wie ist die Entscheidung gefallen, dass ihr von der Bewerbung Abstand nehmt?
Seit dem 7. Dezember liegen uns Unterlagen vor, die sich in wesentlichen Punkten von den bisherigen Absprachen unterscheiden. Aufgrund dieser Entwicklungen haben sich die vier Nationen über das weitere Vorgehen abgestimmt. Ganz wichtig war uns, dass wir zunächst in den Dialog mit der FIBA Europe treten und versuchen, die Dinge zu klären. Nachdem sich aber immer mehr herauskristallisiert hat, dass es trotz unserer immensen Bedenken keine Veränderungen geben wird, haben wir uns schweren Herzens zu dem Schritt entschlossen. Es geht hier ja schließlich um hohe finanzielle Belastungen, die auch öffentliche Mittel betreffen.

 

Wie lauten Deine Vorwürfe an die FIBA Europe?
Das Bewerbungs-Verfahren basiert unserer Meinung nach nicht auf professionellen und seriösen Standards. Es war und ist unser Bestreben, die Grundlagen für ein fantastisches Basketball-Fest zu legen, unserer Sportart damit weiterzuhelfen und sie am Markt zu positionieren. Dieses Konzept scheint allerdings nicht im Sinne der FIBA Europe zu sein. Und das ist für alle Beteiligten äußerst schade.

 

Bis Sonntag hättet ihr einen nationalen Sponsor präsentieren müssen, der vier Millionen Euro garantiert – obwohl noch gar nicht feststeht, wohin die EM vergeben wird. War dies der Hauptgrund für eure Entscheidung?
Die unklare und unseriöse Situation in Bezug auf diesen Sponsor war der Hauptgrund – aber nicht unser einziger Kritikpunkt. Sich mit einem Sponsoren-Paket auf den Markt zu begeben, ohne die Gewissheit zu haben, dass man das Produkt, was man anbietet, auch besitzt, ist schlicht unprofessionell. Zudem gab es diverse Abweichungen von Zahlungsmodalitäten, die wir nicht hinnehmen konnten.

 

Man hört, das Bewerbungsverfahren sei plötzlich auf die Ukraine zugeschnitten worden. Was hälst Du davon?
Ich möchte hier keine Schuldzuweisungen machen und die Ukraine auch nicht an den Pranger stellen. Fakt ist, dass unter anderem aufgrund des Bid Dossiers eine Entscheidung getroffen werden soll. Hierzu gibt es einen sehr klar definierten und detaillierten Anforderungskatalog der FIBA Europe. Unser Bid Dossier umfasst 122 Seiten und enthält Informationen zu Infrastruktur, Spielhallen, Trainingshallen, Transport und Hotels. Das Bid Dossier der Ukraine umfasst 14 Seiten…

 

Welche Folgen hat diese Entscheidung für den deutschen Basketball?
Der deutsche Basketball wird aufgrund dieser Entscheidung nicht untergehen. Es ist und bleibt schade, weil ein Großereignis in Deutschland der Sportart sehr geholfen hätte, ohne Frage. Dennoch ist es wichtig, dass der DBB ein Zeichen setzt und klarstellt, dass bestimmte Machenschaften mit uns nicht tragbar sind. Es ist eine klare und wichtige Positionierung des deutschen Basketballs, die sich hoffentlich auf mittel- und langfristige Sicht auszahlt. Schon jetzt sind die Rückmeldungen aus der Politik und unserer Partner durchweg positiv.

 

Aber Dirk Nowitzki wird nun wohl nicht mehr im DBB-Dress auflaufen…
Was Dirk und seine Zeit in der Nationalmannschaft betrifft, ist es schwer, eine Prognose abzugeben. Kaum jemand hätte gedacht, dass Dirk nach der wahnsinnig anstrengenden NBA-Saison und nach ganz kurzer Pause bei der EM in Litauen spielt. Er hat es aber gemacht und immer betont, dass er für die Nationalmannschaft zur Verfügung steht, wenn es um etwas geht und er körperlich fit ist.

 

Siehst Du eine Chance, dass Deutschland in absehbarer Zeit ein großes Turnier ausrichten wird?
Ich hoffe sehr, dass es eine Chance gibt, eine WM oder EM in naher Zukunft in Deutschland auszurichten. Wir haben tolle Städte, super Hallen und eine großartige Mannschaft, die ein Turnier vor heimischem Publikum verdient hat. Die aktuellen Entwicklungen haben aber eindrucksvoll gezeigt, dass sich einiges verändern muss, damit Deutschland als Ausrichter in Frage kommt.

Das Interview führte unser Redaktionsmitglied Marcel Friederich.

Veröffentlicht unter: DBB, Sonstige

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